10.12.2013

Mozilla-Forschungschef

Andreas Gal - Der Freiheitskämpfer

Er erfand ein offenes, freies Betriebssystem für Smartphones und will die mobile Welt von den Fesseln der Produzenten befreien. Andreas Gal liebt es, gegen das Unmögliche zu kämpfen. Manchmal gelingt es ihm. Ein Porträt des Computerwissenschaftlers.

Text: Iris Quirin

Andreas Gal

Foto: Peter Langer

Er sei aus der Art geraten, sagt er schmunzelnd. So etwas wie das „schwarze Schaf“ der Familie. Anders als seine Schwester, seine Eltern und seine Großeltern ist Andreas Gal nicht Mediziner geworden, sondern Informatiker. Gut so, denn der Forschungschef der Non-Profit-Organisation Mozilla im kalifornischen Mountain View verspricht den Menschen nichts weniger als Freiheit für ihre Handys. „Wer ein Smartphone nutzt, sitzt wie in einem goldenen Käfig“, sagt er. Sie müssen mit geschlossenen Betriebssystemen arbeiten, es gibt keine Wahl. Bis jetzt.

Vor zwei Jahren startete Gal das „Boot2Gecko“-Projekt, aus dem das offene Betriebssystem für Smartphones Firefox OS hervorging. Damit sind künftige Handys erstmals softwareseitig nicht an einen Hersteller gebunden. Die Vorteile: Die Geräte werden erschwinglicher, und Entwickler können ihre Apps schneller einbringen.

Lieber Technik als Medizin

Die ersten Geräte, die Inhalte und Anwendungen offen aus dem Web beziehen, sind bereits auf dem Markt, ein Partner ist die Deutsche ­Telekom. „Wir denken zuerst an den Benutzer“, erklärt Gal mit leicht amerikanischem Akzent. Seit über zehn Jahren lebt er schon in den USA. Als er sechs Jahre alt war, floh seine Familie – Deutschstämmige aus Ungarn – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Grenze. Von Freiburg über Bonn führte der Weg in das kleine Dorf Stockelsdorf bei Lübeck, wo Andreas Gal aufwuchs.

Dass Technik und nicht Medizin seine Berufung ist, war ihm schon früh klar. „Mein Plan war, mit der Technik die akademische Laufbahn einzuschlagen“, sagt der große Enddreißiger mit dunklem Kurzhaarschnitt. Bereits als Kind interessierte er sich für Technik, erwarb als Teenager die Amateurfunklizenz. Dann der erste Computer, der legendäre „Brotkasten“ Commodore C64. Schnell wurden ihm die Spiele darauf zu langweilig, also programmierte er eigene.

»

Quasi über Nacht nutzten Hunderte Millionen Menschen das, wofür ich die akademische Welt lange nicht begeistern konnte.«

Andreas Gal, Forschungschef bei Mozilla

Mozilla Firefox OS

Eigentlich kam Andreas Gal nur für ein paar Monate zu Mozilla. Mittlerweile sind fünf Jahre daraus geworden.

Foto: Mozilla

Nach Abitur und Bundeswehrzeit als Fernaufklärer und Funker studierte Gal in Magdeburg und in Wisconsin/USA Informatik. Seine Doktorarbeit an der Universität von Irvine in Kalifornien schrieb er über Programmiersprachen. Thema: das schlummernde Potenzial von JavaScript.

Nach drei Monaten kam der Durchbruch

In der akademischen Welt stieß er damit auf taube Ohren, galt JavaScript doch unter Wissenschaftlern als veraltet und viel zu langsam für moderne Anforderungen. Ganz anders dachte man bei Mozilla darüber: Der Erfinder des JavaScript-Vorgängers LiveScript, Eich Brendan, wurde auf den jungen Forscher aufmerksam und holte ihn „für ein paar Monate“ nach Mountain View. Es war die Zeit der großen Browser-Kriege: Wer hat den schnellsten?

Drei Monate lang tüftelte Gal abgeschottet mit Eich Brendan und dem Mozilla-IT-Chef Mike Shaver daran, JavaScript-­Anwendungen zu beschleunigen. Dann gelang ihnen der Durchbruch: Plötzlich konnten auch datenintensive Programme aus Firefox gestartet werden. Und sie waren damit schneller als Google mit seinem Browser Chrome auf dem Markt. „Quasi über Nacht nutzten Hunderte Millionen Menschen das, wofür ich die akademische Welt lange nicht begeistern konnte“, beschreibt Gal sein Aha-Erlebnis.

Spannender als jeder Krimi

Seit 2009 ist er Forschungsleiter bei Mozilla. „Wir fragen uns immer: Was geht nicht und warum nicht?“, sagt er. Gal darf man durchaus als waschechten Nerd bezeichnen. Doch der Mann ist keineswegs ein ­Stubenhocker; täglich läuft er seine Joggingstrecke ab. Aber auch zum Programmieren bleibt immer weniger Zeit, bedauert er. Glück im Unglück: Jeden Monat fliegt er in die Mozilla-Niederlassung nach Taipeh, das bedeutet, neun Stunden Ruhe und kein Handy. „Die Zeit habe ich mir fürs Programmieren reserviert“, verrät er. Im Flieger packt er genüsslich sein Notebook aus und macht sich daran, die härtesten Nüsse zu knacken, die sein Team finden konnte.

Es macht offensichtlich Spaß: Aus den paar Monaten bei Mozilla sind fünf Jahre geworden. „Es ist spannender als jeder Krimi“, schwärmt er. Er arbeitet mit den besten Ingenieuren der Welt zum Wohl der ­Menschen. „Wenn es jedoch Zeit wird, Platz zu machen“, sagt er, „dann habe ich kein Problem damit, woanders hinzugehen!“ Das ist wahre Freiheit. Bis dahin aber gibt es noch viel zu tun bei Mozilla.  

 

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